Schmetterlinge sind eine der artenreichsten Insektengruppen überhaupt, und ihr Schwerpunkt liegt eindeutig in den Tropen. In einem einzigen Regenwaldgebiet können mehr Falterarten vorkommen als in ganz Mitteleuropa. Wer sie in einem Schauhaus fliegen sieht, bekommt allerdings nur einen kleinen Ausschnitt eines Lebens zu sehen, das zum größten Teil ganz anders aussieht.
Vier Leben in einem
Schmetterlinge durchlaufen eine vollständige Verwandlung mit vier klar getrennten Stadien.
Ei. Die Weibchen legen ihre Eier fast immer gezielt an einer bestimmten Futterpflanze ab, oft an der Blattunterseite. Diese Wahl ist entscheidend, denn die Raupen vieler Arten sind hochspezialisiert und fressen ausschließlich eine oder wenige Pflanzenarten. Findet das Weibchen die richtige Pflanze nicht, unterbleibt die Eiablage.
Raupe. Das Fress- und Wachstumsstadium. Eine Raupe kann ihr Gewicht in wenigen Wochen um mehrere Tausend Prozent steigern. Weil die Außenhaut nicht mitwächst, häutet sie sich mehrfach. Die Abschnitte zwischen zwei Häutungen heißen Larvenstadien, meist sind es vier bis sechs.
Puppe. Hier passiert das eigentlich Bemerkenswerte. Im Inneren der Puppe wird der Raupenkörper weitgehend aufgelöst und aus Zellgruppen, die bereits in der Raupe angelegt waren, neu zusammengesetzt. Aus diesem Umbau geht ein Tier hervor, das in Körperbau, Ernährung und Fortbewegung mit dem Ausgangsstadium fast nichts mehr gemein hat.
Falter. Das Fortpflanzungs- und Ausbreitungsstadium. Viele tropische Arten leben als Falter nur wenige Wochen. Der Rüssel taugt ausschließlich zur Aufnahme von Flüssigkeit, also Nektar, Baumsäften oder dem Saft überreifer Früchte. Feste Nahrung ist ausgeschlossen.
Diese Aufteilung ist evolutionär raffiniert: Raupe und Falter konkurrieren nicht um dieselbe Ressource. Die eine frisst Blätter, der andere trinkt Nektar. Beide besetzen völlig verschiedene ökologische Nischen, obwohl sie dasselbe Individuum sind.
Warum die Farben oft keine Farben sind
Das intensive, metallisch wirkende Blau der Morphofalter aus Südamerika gehört zu den bekanntesten Erscheinungen der Tropen. Bemerkenswert daran: Es steckt kein blauer Farbstoff in den Flügeln.
Die Flügel sind mit winzigen, dachziegelartig überlappenden Schuppen bedeckt. Bei den Morphos tragen diese Schuppen eine feine, regelmäßige Lamellenstruktur im Bereich der Lichtwellenlängen. An dieser Struktur wird Licht so gebrochen und überlagert, dass sich bestimmte Wellenlängen verstärken und andere auslöschen. Übrig bleibt ein intensives Blau. Man nennt das Strukturfarbe.
Der praktische Unterschied zu Pigmentfarben ist gut sichtbar: Strukturfarben ändern sich mit dem Blickwinkel, sie schillern und bleichen nicht aus. Ein präpariertes Morpho-Exemplar leuchtet nach hundert Jahren im Museum noch so wie am ersten Tag, während pigmentierte Falter verblassen. Fällt Licht schräg ein, kippt die Farbe merklich ins Violette.
Bekannte Arten in Schauhäusern
Morphofalter (Morpho peleides). Der blaue Klassiker aus Mittel- und Südamerika. Auffällig ist der Kontrast: Die Flügelunterseite ist braun gemustert mit Augenflecken, sodass der sitzende Falter mit zusammengeklappten Flügeln fast unsichtbar wird. Im Flug wechseln sich Blau und Braun im Sekundentakt ab, was Verfolgern die Orientierung erschwert.
Atlasspinner (Attacus atlas). Einer der größten Schmetterlinge der Welt mit bis zu etwa 25 Zentimetern Flügelspannweite. Ein Sonderfall: Der Falter besitzt keinen funktionsfähigen Rüssel und kann überhaupt keine Nahrung aufnehmen. Er zehrt vollständig von den Reserven, die die Raupe angelegt hat, und lebt entsprechend nur wenige Tage, gerade lang genug zur Fortpflanzung.
Postbote (Heliconius melpomene). Aus dem tropischen Amerika. Eine der wenigen Gattungen, deren Falter zusätzlich zu Nektar auch Pollen aufnehmen und die daraus gewonnenen Aminosäuren verwerten. Das verlängert ihre Lebensdauer auf mehrere Monate. Heliconius-Arten sind außerdem ein Musterbeispiel für Mimikry: Mehrere ungenießbare Arten haben nahezu identische Warnmuster entwickelt, sodass ein Fressfeind mit einer einzigen schlechten Erfahrung alle beteiligten Arten meidet.
Bananenfalter (Caligo). Große Eulenfalter mit einem täuschend echt wirkenden Augenfleck auf der Flügelunterseite. Dämmerungsaktiv und typischerweise an Futterstellen mit überreifen Früchten anzutreffen.
Was eine Haltung voraussetzt
Schmetterlingshäuser sehen einfach aus und sind es nicht. Vier Bedingungen müssen gleichzeitig stimmen.
Klima. Konstant 25 bis 30 Grad bei 70 bis 80 Prozent Luftfeuchte. Fällt die Temperatur, werden die Falter flugunfähig und bleiben regungslos sitzen. Größere Schwankungen verkürzen die Lebensdauer deutlich.
Zwei getrennte Pflanzenwelten. Nektarpflanzen für die Falter und Futterpflanzen für die Raupen, und das sind fast nie dieselben Arten. Da Raupen ihre Futterpflanze in kurzer Zeit vollständig abfressen können, braucht es einen laufenden Nachschub aus eigener Anzucht.
Puppennachschub. Die meisten Schauhäuser züchten nicht selbst, sondern beziehen Puppen regelmäßig von spezialisierten Farmen in tropischen Ländern. Diese Betriebe sind vielerorts ein Nebeneinkommen für die lokale Bevölkerung und mit dem Erhalt von Waldflächen verbunden, weil intakter Wald die Grundlage der Zucht bleibt.
Doppelte Schleusen. Der Ein- und Ausgang muss so gebaut sein, dass keine Tiere entkommen. Das ist kein Detail, sondern rechtliche Voraussetzung: Der Umgang mit gebietsfremden Arten ist genehmigungspflichtig und an strenge Auflagen gebunden.
Für Besuchende
Wer ein Schmetterlingshaus besucht, sieht am meisten in den Morgenstunden, wenn die Falter nach dem Aufwärmen am aktivsten sind. Helle Kleidung und Blumenmuster ziehen Tiere an, Parfüm irritiert sie eher. Anfassen ist tabu, denn die Flügelschuppen lassen sich mit der leichtesten Berührung abstreifen und wachsen nicht nach.
Und ein Hinweis, der die Wahrnehmung verändert: Der ruhende, braune Falter an der Wand ist meist derselbe, dessen Blau eben noch durch den Raum geblitzt ist.