Rund die Hälfte aller bekannten Vogelarten lebt in den Tropen, und die Konzentration ist erstaunlich. In manchen Regionen der Anden kommen auf einem Gebiet von der Größe eines mitteleuropäischen Landkreises mehr Vogelarten vor als in ganz Deutschland. Die Frage, woran das liegt, beschäftigt die Ökologie seit über einem Jahrhundert.
Warum die Artenzahl in den Tropen so hoch ist
Mehrere Faktoren wirken zusammen.
Ganzjährige Produktivität. In den feuchten Tropen wächst und blüht etwas zu jeder Zeit. Es gibt keine Saison, in der die Nahrungsgrundlage vollständig zusammenbricht. Das erlaubt hochspezialisierte Ernährungsweisen, die in einem Klima mit strengem Winter nicht überlebensfähig wären.
Schichtung des Lebensraums. Ein Regenwald ist kein Raum, sondern mehrere übereinander. Kronendach, mittlere Baumschicht, Unterholz und Boden bieten jeweils eigene Bedingungen, und in jeder Schicht existiert ein eigener Satz von Arten. Ein Wald mit gleicher Grundfläche bietet in den Tropen also ein Vielfaches an nutzbaren Nischen.
Zeit und Stabilität. Große Teile der tropischen Wälder sind über sehr lange Zeiträume vergleichsweise stabil geblieben, während Mitteleuropa in den Eiszeiten wiederholt weitgehend entvölkert wurde. Wo Lebensräume lange bestehen, hat Artbildung mehr Gelegenheit.
Geografische Barrieren. Flüsse, Gebirgszüge und Höhenstufen trennen Populationen voneinander. Getrennte Populationen entwickeln sich auseinander. Im Amazonasbecken bilden große Flüsse für viele Waldvögel unüberwindbare Grenzen, und links und rechts des Ufers leben verschiedene, nah verwandte Arten.
Anpassungen, die auffallen
Der Tukanschnabel. Bis zu einem Drittel der Körperlänge, aber erstaunlich leicht, weil er innen aus einem feinen Netzwerk von Knochenbälkchen mit großen Hohlräumen besteht. Über die Funktion wurde lange gestritten. Er hilft beim Erreichen von Früchten an dünnen Zweigen, die das Körpergewicht nicht tragen würden, er spielt eine Rolle bei Sozialverhalten und Partnerwahl, und er dient der Wärmeabgabe: Der Schnabel ist stark durchblutet, und der Vogel kann den Blutfluss regulieren und so überschüssige Wärme abführen.
Kolibriflug. Kolibris können als einzige Vögel dauerhaft an Ort und Stelle schweben und rückwärts fliegen. Der Schlüssel liegt im Schultergelenk, das eine Drehung des gesamten Flügels erlaubt, sodass Auftrieb sowohl beim Ab- als auch beim Aufschlag entsteht. Der Preis ist ein extremer Energieumsatz mit Herzfrequenzen von über tausend Schlägen pro Minute im Flug. Um die Nacht zu überstehen, fallen viele Arten in eine Kältestarre, bei der Körpertemperatur und Stoffwechsel drastisch abgesenkt werden.
Nashornvogel-Brut. Bei vielen Arten mauert sich das Weibchen in einer Baumhöhle ein. Der Eingang wird bis auf einen schmalen Schlitz mit einem Gemisch aus Lehm, Kot und Nahrungsresten verschlossen. Das Weibchen bleibt über Wochen eingeschlossen, mausert dabei und wird vollständig vom Männchen durch den Spalt versorgt. Der Schutz vor Nesträubern ist nahezu vollständig, das Risiko ebenso: Verunglückt das Männchen, ist die Brut verloren.
Farbenvielfalt. Wie bei Schmetterlingen entstehen viele der auffälligsten Vogelfarben nicht durch Pigmente, sondern durch Mikrostrukturen im Federgewebe. Praktisch alle blauen Vögel sind strukturblau. Ein blaues Ara-Federchen, das man zerreibt, wird grau.
Bekannte Gruppen
Papageien und Aras. Hochsoziale Tiere mit ausgeprägtem Lernvermögen und, bei größeren Arten, einer Lebenserwartung von mehreren Jahrzehnten. Der kräftige Schnabel öffnet Nüsse, die anderen Arten unzugänglich bleiben. In vielen Regionen Südamerikas sammeln sich Aras regelmäßig an Lehmwänden, wo sie Erde aufnehmen. Die gängige Erklärung ist, dass Mineralien und die bindende Wirkung des Tons Pflanzengifte aus der Nahrung neutralisieren.
Kolibris. Ausschließlich in Amerika verbreitet, mit über 300 Arten. Viele stehen in enger gegenseitiger Abhängigkeit mit bestimmten Blütenpflanzen: Die Blüte ist so geformt, dass nur ein Schnabel bestimmter Länge und Krümmung an den Nektar kommt, und die Pflanze wird im Gegenzug zuverlässig bestäubt.
Tukane. Auf Mittel- und Südamerika beschränkt. Überwiegend Fruchtfresser und damit wichtige Samenverbreiter, weil sie unverdaute Kerne über große Entfernungen absetzen.
Paradiesvögel. Auf Neuguinea und Umgebung begrenzt. Die Männchen tragen extrem aufwendige Schmuckfedern und führen komplexe, oft an bestimmten Balzplätzen einstudierte Vorführungen auf. Ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie stark Partnerwahl den Körperbau formen kann, auch gegen die Interessen der Tarnung.
Nektarvögel. In Afrika und Asien verbreitet und den Kolibris äußerlich ähnlich, ohne mit ihnen näher verwandt zu sein. Sie haben unabhängig voneinander eine vergleichbare Lebensweise entwickelt, können aber nicht in gleicher Weise schweben und trinken meist sitzend.
Was die Bestände bedroht
Die Hauptursache ist der Verlust und die Zerschneidung von Lebensräumen. Für hochspezialisierte Arten ist die Zerteilung eines Waldes in Fragmente oft gravierender als der reine Flächenverlust, weil viele Waldvögel offene Flächen meiden und kleine Restpopulationen isoliert zurückbleiben.
Dazu kommt der Fang für den Tierhandel, der besonders großen Papageienarten zugesetzt hat, und der Klimawandel, der Höhenstufen verschiebt. Gebirgsarten weichen nach oben aus, bis über ihnen nichts mehr kommt.
Wer solche Arten in einem Schauhaus oder Zoo sieht, sieht in vielen Fällen Tiere aus koordinierten Erhaltungszuchten. Deren Bedeutung liegt weniger in der Auswilderung, die selten gelingt, als im Aufbau einer Reservepopulation und in der Aufmerksamkeit, die die Tiere für ihre Herkunftsregion erzeugen.