In einem tropischen Regenwald spielt sich ein erheblicher Teil des pflanzlichen Lebens gar nicht am Boden ab. Auf den Ästen und Stämmen großer Bäume wächst eine eigene Vegetationsschicht: Moose, Farne, Orchideen, Bromelien und Kakteen, die nie Kontakt zum Erdboden haben. Man nennt sie Epiphyten oder Aufsitzerpflanzen. In artenreichen Wäldern kann ein einziger großer Baum mehrere Dutzend solcher Arten tragen.
Aufsitzer, nicht Schmarotzer
Die wichtigste Abgrenzung zuerst: Epiphyten sind keine Parasiten. Sie dringen nicht in das Gewebe des Trägerbaums ein, entziehen ihm weder Wasser noch Nährstoffe und schädigen ihn im Normalfall nicht. Der Baum ist für sie ausschließlich Standort, vergleichbar mit einem Felsen oder einer Mauer.
Der Grund für diese Lebensweise ist Licht. Am Boden eines geschlossenen Regenwaldes kommt oft nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz der Einstrahlung an. Wer es schafft, sich in der Kronenregion festzusetzen, entgeht dieser Konkurrenz vollständig, ohne selbst einen Stamm bilden zu müssen. Es ist eine der wirtschaftlichsten Strategien, die die Evolution hervorgebracht hat: Höhe gewinnen, ohne in Stützgewebe zu investieren.
Abzugrenzen sind die Würgefeigen. Sie beginnen ihr Leben ebenfalls epiphytisch, senken dann aber Wurzeln zum Boden, umwachsen den Trägerbaum und lassen ihn absterben. Das ist eine eigene Strategie und die Ausnahme, nicht die Regel.
Das Problem und seine Lösungen
Wer auf einem Ast sitzt, hat kein Bodenwasser und keinen Humus. Regenwasser läuft in Minuten ab. Nährstoffe kommen nur als Staub, als herabfallendes Laub oder gelöst im Niederschlag an. Die Epiphyten haben darauf sehr unterschiedliche Antworten gefunden.
Saugende Wurzeln. Orchideen umgeben ihre Luftwurzeln mit einem Schwammgewebe aus abgestorbenen Zellen, dem Velamen. Es saugt Wasser innerhalb von Minuten auf und speichert es. Trocken wirkt es silbrig, nass wird es grün.
Trichter und Zisternen. Viele Bromelien ordnen ihre Blätter so an, dass sie einen dichten Trichter bilden. In diesem Becken sammelt sich Regenwasser, dazu Laub und Insekten, die sich zersetzen. Manche Arten decken einen großen Teil ihres Wasser- und Nährstoffbedarfs über diese Zisterne und weniger über die Wurzeln. In den Trichtern größerer Arten entstehen kleine, dauerhaft wassergefüllte Lebensräume, in denen Insektenlarven und in Mittelamerika sogar bestimmte Pfeilgiftfrösche ihren Nachwuchs aufziehen.
Nischenblätter. Der Geweihfarn bildet zwei Blatttypen aus. Flache, schildförmige Blätter legen sich an die Rinde und fangen als Auffangkorb herabfallendes Material auf, das dort zu Humus zerfällt. Die Wurzeln durchwachsen genau diesen selbst erzeugten Vorrat.
Sukkulenz. Epiphytische Kakteen wie der Blattkaktus speichern Wasser im Sprossgewebe. Sie sehen ihren Wüstenverwandten kaum ähnlich, folgen aber demselben Prinzip.
Schuppen statt Wurzeln. Die Tillandsien treiben es am weitesten. Ihre Blätter sind mit spezialisierten Saugschuppen bedeckt, die Wasser und gelöste Nährstoffe direkt aus Nebel und Regen aufnehmen. Manche Arten haben Wurzeln nur noch als Haftorgan, ohne Aufnahmefunktion. Sie brauchen buchstäblich kein Substrat.
Arten für die Kultur
Tillandsien. Die Grauformen mit den dicht beschuppten, silbrigen Blättern lassen sich völlig frei auf Holz, Stein oder in Drahtgestellen halten. Versorgung durch Sprühen mehrmals pro Woche oder wöchentliches Tauchen für etwa eine halbe Stunde. Danach unbedingt kopfüber abtropfen lassen, denn stehendes Wasser im Blattzentrum führt zur Fäulnis. Das ist die häufigste Verlustursache.
Bromelien. Guzmania, Vriesea und Aechmea sind im Handel weit verbreitet. Der Trichter wird mit kalkarmem Wasser gefüllt und alle paar Wochen geleert und neu befüllt, damit das Wasser nicht kippt. Wichtig zu wissen: Die meisten Bromelien blühen einmal und sterben danach langsam ab. Sie bilden vorher Kindel an der Basis, die man abtrennen und weiterkultivieren kann. Eine absterbende Bromelie nach der Blüte ist kein Pflegefehler.
Geweihfarn (Platycerium). Wird auf ein Brett oder Korkstück aufgebunden und hängend kultiviert. Gewässert wird durch Tauchen des gesamten Ballens. Die braunen Nischenblätter niemals entfernen, auch wenn sie vertrocknet aussehen, denn sie sind Teil des Nährstoffsystems.
Epiphytische Orchideen. Die größte Gruppe, ausführlich behandelt im Beitrag über tropische Orchideen.
Blattkakteen. Weihnachts- und Osterkaktus sind epiphytische Arten aus brasilianischen Küstenwäldern. Sie wollen entgegen der Erwartung an Kakteen keinen Wüstenstandort, sondern gleichmäßige Feuchtigkeit und halbschattigen Stand.
Was in der Kultur regelmäßig schiefgeht
Erde. Der häufigste Fehler. Epiphyten in normale Blumenerde zu topfen bedeutet, ihre Wurzeln dauerhaft in ein verdichtetes, luftarmes Milieu zu setzen. Sie faulen. Richtig sind grobe Substrate aus Rinde und Kokosfasern oder gar kein Substrat.
Hartes Wasser. Arten, die Wasser über Blattoberflächen aufnehmen, reagieren empfindlich auf Kalk. Er lagert sich als Belag ab und verstopft die Saugschuppen. Regenwasser oder entkalktes Wasser ist bei Tillandsien nicht Feinschliff, sondern Voraussetzung.
Stehende Nässe. Epiphyten sind an den Wechsel von kurzer Durchfeuchtung und rascher Abtrocknung angepasst. Dauerhafte Nässe kennen sie in der Natur nicht und vertragen sie entsprechend schlecht.
Zu wenig Luftbewegung. In der Kronenregion weht ständig Wind. Ein geschlossenes Glasgefäß ohne Luftaustausch ist für die meisten Aufsitzer der falsche Ort.
Ein Gestaltungsprinzip
Der eigentliche Reiz der Epiphyten liegt darin, dass sie das Prinzip Topf aufheben. Sie lassen sich an Wänden befestigen, an Ästen aufhängen, in Drahtkugeln setzen oder auf Treibholz montieren. Wer mehrere Arten auf einem größeren Stück Holz kombiniert, baut im Kleinen die Struktur nach, die im Regenwald über Jahrzehnte entsteht: eine Pflanzengesellschaft ohne Boden.
Die technischen Voraussetzungen für größere Anlagen behandelt der Beitrag über tropische Pflanzen im eigenen Gewächshaus.